Der Schmelztiegel der Sprachen

Eine Geschichte der englischen Sprache – und eine andere

Frei nach Random History und Sally Thomason

Die Geschichte des Englischen ist vielschichtig und dynamisch. Sie wird oft, wenn auch vielleicht zu klar getrennt, in vier Abschnitte eingeteilt: Altenglisch, Mittelenglisch, Frühneuenglisch und Modernes Englisch. Englisch wird genetisch als Nieder-Westdeutsche Sprache der indogermanischen Sprachfamilie eingeordnet. Aktuell wird es von zwei Milliarden Menschen um den Erdball verstanden. Es ist die Sprache der Fliegerei, der Wissenschaft, der Informationstechnologie, des internationalen Handels und der Diplomatie. Es nimmt einen entscheidenden Platz in Kultur, Politik und Wirtschaft in Ländern auf der ganzen Welt ein. Von seinen frühen Anfängen als Reihe von germanischen Dialekten an war Englisch sowohl in seiner Verbreitung und Kolonialisierung als auch in seiner Fähigkeit, einen Wortschatz aus der ganzen Welt zu übernehmen und anzuhäufen, bemerkenswert. Dennoch wurde es in seinen frühen Jahren beinahe ausgelöscht (Bragg, 2003). So zumindest sieht in groben Zügen die allgemein anerkannte Entstehungsgeschichte der englischen Sprache aus.

Altenglisch (500 – 1100 n.Chr.)
Es ist fast unmöglich, die Geburt einer Sprache festzulegen, aber im Fall von Englisch entspricht es der verbreitete Annahme, dass es nicht existierte, bevor sich die westgermanischen Stämme in Großbritannien ansiedelten. Während des fünften und sechsten Jahrhunderts nach Christus fielen westgermanische Stämme vom Jütland und dem südlichen Dänemark auf den britischen Inseln ein. Diese Stämme – unter anderen die Angeln, Sachsen und Jüten – sprachen eine germanische Sprache, die heute als Altenglisch bezeichnet wird, eine Sprache, die dem modernen Friesisch ähnelt. Aus diesen Stämmen entwickelten sich vier Hauptdialekte des Altenglischen. Diese Stämme wären durch Überfälle der Wikinger leicht ausgelöscht worden, wenn ein König namens Alfred der Große nicht gewesen wäre. Nachdem er die Wikinger besiegt hatte, die sowohl die englische Lebensart als auch ihre Sprache bedroht hatten, förderte Alfred der Große das Lesen und Schreiben von Englisch in seinem gesamten Königreich (McCrum et al., 1986).

Bevor die Germanen kamen, waren die Kelten die ursprünglichen Einwohner Britanniens. Als die germanischen Stämme in England einfielen, vertrieben sie die keltischsprachigen aus England dorthin, wo sich heute Schottland, Wales, Cornwall und Irland befinden. Die keltische Sprache überlebt bis heute in den gälischen Sprachen, und einige Forscher nehmen an, dass die Sprache der Kelten die grammatikalische Entwicklung des Englischen beeinflusst haben könnte, obwohl der Einfluss minimal gewesen wäre (Bryson, 1990).

Um 850 n.Chr. übten die Wikinger einen wesentlichen Einfluss auf die englische Sprache aus, indem sie viele nordgermanische Wörter in die Sprache importierten. Von der Mitte des neunten Jahrhunderts an siedelte sich eine große Anzahl ihnen in Britannien an, besonders in den nördlichen und östlichen Gegenden, und im elften Jahrhundert wurde England von einem dänischen König regiert. Die nordgermanische Sprache hatte einen grundlegenden Einfluss auf das Englische. Sie brachte Grundwörter wie „that“, „they“ und „them“ mit sich, und ist eventuell auch für einen Teil der morphologische Vereinfachung des Altenglischen verantwortlich, inklusive des Verlusts des grammatikalischen Genus und der Fälle (Bragg, 2003).

Die Mehrheit der Wörter, die das moderne Englisch ausmachen, stammen nicht von altenglischen Wurzeln ab (nur etwa ein Sechstel der bekannten altenglischen Wörter haben eine bis heute überlebende Nachkommenschaft), doch fast alle der 100 meistverwendeten Wörter im modernen Englisch haben altenglische Wurzeln. Wörter wie „water“, „the“, „a“, „he“, „no“ und viele andere grundlegende englische Wörter leiten sich aus dem Altenglischen ab (Bragg, 2003). Dennoch ist die englische Sprache, die wir heute kennen, weit von ihrem altenglischen Vorfahren entfernt. Dies zeigt sich in dem epischen Gedicht Beowulf (McCrum et al., 1986), welches das am besten überlieferte Beispiel des Altenglischen ist, aber in einer Übersetzung ins moderne Englisch gelesen werden muss, wenn man nicht zu den wenigen gehört, die das Werk im Original studiert haben. Die altenglische Periode endete mit der normannischen Eroberung Englands, bei der die Sprache in noch größerem Maße von den französischsprechenden Normannen beeinflusst wurde.

Die normannische Eroberung und Mittelenglisch (1100 – 1500)
1066 überfiel Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie, England und nahm das Land und die Angelsachsen ein. Nach der Invasion sprachen die normannischen Könige und der Adel einen altfranzösischen Dialekt, der als Angelnormannisch bekannt ist, während Englisch weiterhin die Sprache der einfachen Bevölkerung war. Diese Klassentrennung sieht man in der englischen Sprache noch heute bei Wörtern wie „beef“ und „cow“ oder „pork“ und „pig“. Die Oberschicht aß für gewöhnlich Rind und Schwein, deren englische Übersetzungen sich aus dem Angelnormannischen ableiten, während die gemeine Angelsachse, der das Vieh hütete, das Germanische beibehielt und Kühe und Schweine aß. Viele juristische Begriffe wie „indict“ (anklagen), „jury“ und „verdict“ (Urteil) haben ebenfalls angelnormannische Wurzeln, weil die Normannen die Gerichte beherrschten. Es war nicht unüblich, dass französische Wörter altenglische Wörter ersetzten; zum Beispiel wurde „earn“ durch „uncle“ ersetzt, „firen“ durch „crime“. Französisch und Englisch verbanden sich auch zu neuen Wörtern, so wie das französische „gentle“ und der germanische „man“ zum „gentleman“ wurden (Bryson, 1990). Bis heute haben Wörter französischen Ursprungs in der Regel einen offizielleren Beiklang als es die germanischstämmigen tun.

Als der englische König John 1204 die Normandie an den König von Frankreich verlor, begann der englische Adel, das Interesse an seinen Besitztümern in Frankreich zu verlieren und fing an, ein abgeändertes Englisch als Muttersprache zu sprechen. Als die Pest in Europa wütete, führte der Bevölkerungsrückgang zur Konzentration des Wohlstands. Das alte Feudalsystem bröckelte, als die neue Mittelschicht an wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung gewann, und mit ihnen ihre Sprache im Vergleich zum Angelnormannischen. Das System des Altenglischen mit seinem Tonfall machte, grob gesagt, dem System des selben Englisch Platz, das heute vorherrscht und das, anders als Altenglisch, keine unterschiedlichen Wortendungen verwendet. Anders als Altenglisch können heutige Englischsprecher Mittelenglisch (wenn auch mit einigen Schwierigkeiten) lesen. Bis 1362 war die sprachliche Unterscheidung zwischen den Adligen weitgehend vorbei und das Statute of Pleading wurde eingeführt, was Englisch zur Gerichts- und Parlamentssprache machte. Eduard III. wurde der erste König, der sich 1362 auf Englisch an das Parlament wandte, und das erste auf Englisch verbreitete Dokument seit der normannischen Eroberung waren die Bestimmungen vor Oxford. Das bekannteste Literaturbeispiel des Mittelenglischen sind Chaucers Canterbury Tales. Die Zeit des Mittelenglisch neigte sich um 1500 mit dem Aufkommen des modernen Englisch dem Ende zu (McCrum et al., 1986).

Frühneuenglisch (1500 – 1800)
Die Renaissance brachte weitreichende Neuerungen in der englischen Sprache mit sich. Die Wiederentdeckung der klassischen Wissenschaft schuf einen großen Fluss von lateinischen und griechischen Wörtern in die Sprache. Während lateinische und griechische Entlehnungen die Sprache einerseits bereicherten, übernahmen einige Gelehrte lateinische Begriffe ungeschickt und übermäßig oft, was ihnen die abfällige Bezeichnung „inkhorn“ einbrachte. Ein Tintenfass (inkhorn) war ein wichtiger Gegenstand für die Gelehrten und meist einfach ein Topf aus Horn, in dem sich die Tinte für den Federkiel befand. Es wurde aber später ein abwertender Begriff für pedantische Schreiberlinge, die undurchsichtige und ausladende Begriffe verwendeten (Bragg, 2003). Die Erfindung der Druckerpresse markiert auch die Trennlinie zwischen dem Altenglischen und dem modernen Englisch, da Bücher verbreiteter wurden und die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben zunahm. Schon bald wurde das Verlagswesen zu einem marktfähigen Beruf, und Bücher, die auf Englisch geschrieben wurden, waren oft beliebter als Bücher auf Latein. Die Druckerpresse half auch, Englisch zu vereinheitlichen. Die Schriftsprache und die gesprochene Sprache Londons beeinflussten bereits das ganze Land und mit dem Einfluss der Druckerpresse dominierte das Londoner Englisch bald. London Standard wurde sogar auf breiter Basis angenommen, vor Allem im formelleren Zusammenhang. Schon bald wurden die englische Rechtschreibung und Grammatik festgelegt und 1604 das erste Englischwörterbuch herausgegeben (Bryson, 1990).

Im fünfzehnten Jahrhundert veränderte die große Vokalverschiebung – eine Reihe von Veränderungen der englischen Aussprache – die englische Sprache weiter. Diese rein linguistischen Lautveränderungen bewegten die Sprache weg von den so genannten „reinen“ Vokallauten, die noch heute viele kontinentale Sprachen charakterisieren. Infolgedessen gingen die Paarungen der meisten kurzen und langen Vokallaute verloren, was zur „Seltsamkeit“ der englischen Aussprache führte und die Beziehung vieler englischer Wörter und ihrer ausländischen Wurzeln verschleierte. Die große Vokalverschiebung geschah eher plötzlich und die Hauptänderungen passierten innerhalb eines Jahrhunderts, obwohl die Verschiebung immer noch stattfindet und sich Vokallaute immer noch verkürzen, wenn auch sehr viel fließender. Über die Gründe der Verschiebung wird gestritten. Einige Forscher vertreten die Meinung, dass eine solche Verschiebung aufgrund der „massiven Übernahme romanischer Lehnwörter“ passierte, „sodass englische Vokale anfingen, mehr wie französische Lehnwörter zu klingen. Andere Forscher behaupten, es war der Verlust der Morphologie des Tonfalls, der die Verschiebung einleitete“ (Bragg, 2003)

Modernes Englisch (1800 – heute)
Aussprache, Grammatik und Rechtschreibung des modernen Englisch sind weitestgehend die gleichen wie im Frühneuenglischen, doch das moderne Englisch besitzt aufgrund mehrerer Faktoren weit mehr Wörter. Erstens haben Entdeckungen während der wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen einen Bedarf an einem neuen Wortschatz geschaffen. Forscher bezogen Wörter aus dem Lateinischen und Griechischen und erschufen neue Wörter wie „oxygen“ (Sauerstoff), „nuclear“ und „protein“. Wissenschaftliche und technologische Entdeckungen laufen nach wie vor und neue Wortschöpfungen entstehen bis heute, besonders in den Feldern der Elektronik und der Computer. Genau wie die Druckerpresse das gesprochene und geschriebene Englisch revolutionierte, setzen die neue Technologiesprache und das Internet Englisch in einen Übergang zwischen Moderne und Postmoderne.

Zweitens war die englische Sprache immer eine kolonialisierende Kraft. Während des Mittelalters und der frühen Moderne verbreitete sich der Einfluss des Englischen rasch in Großbritannien, und vom Begin des siebzehnten Jahrhunderts an breitete sich Englisch auf der ganzen Welt aus. Großbritanniens Seemacht und militärischer Einfluss auf die Sprache (vor allem nach dem zweiten Weltkrieg) war dementsprechend groß. Großbritanniens komplexe Kolonialisierung, Erkundung und Überseehandel importierten einerseits Lehnwörter aus aller Welt (wie „shampoo“, „pajamas“ und „yogurt“) und führten andererseits zur Entwicklung neuer Variationen von Englisch, jede mit ihren eigenen Nuancen in Wortschatz, Grammatik und Aussprache. Bezeichnend ist, dass eine von Englands Kolonien, Amerika, etwas schuf, was als amerikanisches Englisch bekannt ist, und in einigen Aspekten ist das amerikanische Englisch näher am Englisch Shakespeares als das moderne britische Englisch (oder das moderne Englisch der Königin), weil viele Amerikanismen ursprünglich britische Ausdrücke sind, die in den Kolonien erhalten blieben, obwohl sie zuhause verloren gingen (z.B. „trash“ statt „rubbisch“ für Müll). Der Wortschatz der amerikanischen Ureinwohner und Spanisch haben auch einen großen Einfluss auf das amerikanische Englisch geübt und Wörter wie „raccoon“ (Waschbär), „canoe“ (Kanu), „mustang“, „ranch“ und „vigilante“ (etwa Partisane, Vertreter der Selbstjustiz) wurden importiert und übernommen (Bragg, 2003).

Englisch als Weltsprache
In der jüngeren Zeit ist Englisch zur Lingua franca geworden, einer Sprache, die in vielen Ländern benutzt und verstanden wird, in denen Englisch nicht die erste oder Muttersprache ist. Es ist sogar so, dass als Papst Johannes Paus II. in den mittleren Osten reiste um auf den Spuren von Jesus Christus zu wandeln und sich an Christen, Muslime und Juden wandte, sprach er nicht Arabisch, Italienisch, Hebräisch oder seine Muttersprache Polnisch; stattdessen sprach er Englisch. Tatsächlich wird Englisch in über 90 Ländern verwendet, ist die Arbeitssprache der asiatischen Handelgruppe ASEAN und von 98 Prozent der weltweit forschenden Physiker und Chemiker. Es ist auch die Sprache der Informationstechnologie, der internationalen Kommunikation, der Diplomatie und der Seefahrt. Über eine Milliarde Menschen weltweit lernen aktuell Englisch, was es zweifellos zu einer Weltsprache macht.

Eine Theorie, die den anderen widerspricht
Doch obwohl die beschriebene Geschichte der englischen Sprache allgemein als richtig anerkannt ist, so muss man der Interpretation von historischen Dokumenten immer mit Vorsicht begegnen. So beschreibt M.J. Harper (2002) seine eigene, ganz andere Sichtweise darüber, wie die Sprachen Europas entstanden sind. Laut seiner „geheimen Geschichte der englischen Sprache“ existiert Englisch seit der Antike und ist eigentlich der Vorfahre der meisten modernen Sprachen Westeuropas. Er stellt einen Stammbaum auf, in dem Englisch sich auf der einen Seite in Französisch und daraufhin in Provenzalisch, Katalanisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Latein, und auf der anderen Seite in Deutsch aufteilt, aus dem Angelsächsisch entspringt. In Harpers Schema war Latein also nicht der Ursprung der romanischen Sprachen, sondern ist stattdessen eine erfundene Sprache. Ein weiteres Fazit all dessen ist, wie er selbst betont, dass die große Mehrheit der Etymologien, die für englische Wörter aufgestellt und vorgelegt werden, falsch sind.

Bewertungen bei einem bekannten Internetbuchhandel bezeichnen Harpers Theorie als eine würzige Prise an Kritik. Sie sei schockierend, einschneidend, manchmal profan, unnötig beleidigend, sarkastisch, fröhlich pervers – und letztlich erschreckend plausibel. Und irgendwie ergebe sie „so verdammt viel Sinn“. Der Autor fordere den Leser heraus, niemals einfach anzunehmen, dass etwas wahr sei, nur weil die Mehrheit es als Wahrheit anerkennt. Weiterhin wird das Buch als unnötigerweise beleidigend beschrieben, und es sei mindestens teilweise falsch. Und doch sei es ein interessantes Buch, weil es teilweise richtig sein könnte.

Ein starkes Argument dagegen, dass die Angelsachsen in Britannien eingefallen sind und die eingeborene Bevölkerung zwangen, die Sprache zu sprechen, die wir heute als Englisch kennen, ist, dass es Eroberer auch in vielen anderen Fällen nicht schafften, eine spürbare Wirkung auf die Sprache der Eroberten auszuüben. Oftmals blieben nur einzelne Wörter und Phrasen in der Sprache zurück. Und nicht nur das: Nicht selten sei das Gegenteil passiert und die Eroberer übernahmen Elemente aus der vor Ort gesprochenen Sprache, die sie dann in ihre eigene Heimat trugen. Und so wird The Secret History of the English Language Sprachliebhabern, Geschichtsinteressierten, Anglophilen und jedem anderen empfohlen, der je zweimal darüber nachgedacht hat, was er in der Schule gelernt hat.

Zwar ist diese Kritik am Etablissement der Wissenschaft höchstwahrscheinlich ernst gemeint. Immerhin hat die Historie eine ernsthafte Aussage, die nicht ausdrücklich thematisiert wird. Zu lesen und zu verstehen ist sie aber wohl dennoch mit einem Augenzwinkern.

Quellen
Bragg, Melvyn. 2003. The Adventure of English: The Biography of a Language. New York: Arcade Publishing.
Bryson, Bill. 1990. Mother Tongue: English and How it Got That Way. New York: Perennial.
Harper, M.J. 2002. The Secret History of the Englisch Language. Brooklyn, New York: Melville House.
McCrum, Robert, William Cran, and Robert MacNeil. 1986. The Story of English. New York: Viking.

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