Die Geschichte der Sprache

Die ersten Wörter: schon vor 1 Mio. Jahren?

Alle geselligen Tiere – von Bienen und Ameisen bis zu Walen und Affen – kommunizieren miteinander, aber nur Menschen haben eine Sprache entwickelt, die aus mehr als einer Anordnung von bestimmten Signalen besteht.

Unsere Sprache unterscheidet sich auch auf physische Art von der Kommunikation anderer Lebewesen. Sie entsteht in einem Sprachzentrum, das nicht instinktiv arbeitet, sondern Laute und Bedeutungen rational verarbeitet. Dieser Bereich im Gehirn ist einzig den Menschen vorbehalten.

Wann und wie sich die Fähigkeit zu sprechen entwickelte, lässt sich unmöglich sagen. Jedoch kann man gemeinhin annehmen, dass es ein langer Entwicklungsprozess war.

Unsere Vorfahren sprachen wahrscheinlich schon vor einer Million Jahren. Dies jedoch langsamer, mit einem kleineren Vokabular und vor allem einer einfacheren Grammatik als wir es heute tun.

Ursprünge von Sprache

Die Ursprünge der menschlichen Sprache werden möglicherweise immer im Dunkeln bleiben. Im Gegensatz dazu ist der Ursprung von Einzelsprachen Gegenstand sehr ausführlicher Studien in den vergangenen 20 Jahren gewesen.

Heute werden mehr als 5.000 Sprachen auf der Welt gesprochen (ein Drittel davon in Afrika), aber Wissenschaftler schließen sie in relativ wenige Sprachfamilien zusammen (vermutlich weniger als 20). Sprachen sind miteinander durch gemeinsame Wörter, Laute oder grammatische Konstruktionen verbunden. Die Theorie lautet, dass die Mitglieder einer jeden Sprachgruppe von einem gemeinsamen Vorfahren und somit von einer einzigen Sprache abstammen. Experten schätzen häufig, dass diese Ursprache zur Überraschung aller in jüngerer Zeit gesprochen wurde – möglicherweise erst vor wenigen tausend Jahren.

Sprachgruppen: ab 3.000 v. Chr.

Die heute am meisten verbreitete Sprachgruppe ist die indoeuropäische, der die Hälfte der Erdbevölkerung angehört. Diese Gruppe, die von Hindi und Persisch bis Norwegisch und Englisch alles umfasst, soll aus der Sprache eines Nomadenstammes hervorgegangen sein, der vor ca. 3.000 Jahren in den Hochebenen im östlichen Europa und westlichen Asien umhergestreift ist.

Ab ca. 2.000 v. Chr. begannen die Sprecher der indoeuropäischen Sprachen sich über ganz Europa zu verteilen und bevölkerten letztendlich alle Gebiete bis zur Atlantikküste und den nördlichen Mittelmeerküsten. Sie drangen außerdem bis weit nach Asien vor und nahmen dabei das Iranische Hochland und viele Teile Indiens ein.

Eine andere Sprachgruppe, die eine große Bedeutung in der jüngeren Geschichte von Westasien hat und auch heute noch hat, ist die der semitischen Sprachen. Diese sollen auch von der Sprache eines einzigen Stammes – möglicherweise Nomaden im südlichen Arabien – abstammen.

Um ca. 3.000 v. Chr. wurden die semitischen Sprachen über ein weites Wüstengebiet vom südlichen Arabien bis zum Norden Syriens gesprochen. Einige semitische Völker wie die Babylonier, Assyrer, Hebräer und Phönizier spielten eine große Rolle in der frühen Bevölkerung jenes Gebietes. Eine Zeit lang war sogar eine semitische Sprache, das Aramäische, die „lingua franca“ des Mittleren Osten.

Sprache und Rasse

Eine gemeinsame Sprachfamilie bedeutet nicht zugleich, dass es eine rassische Verbindung gibt, doch trotzdem ist in der Neuzeit dieser Unterschied oft verschwommen. Innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie z.B. gibt es kleinere indoiranische Sprachgruppen, auch bekannt als arische, die von Persien bis Indien gesprochen werden. Einer vollkommen haltlosen Rassenlehre des späten 19. Jahrhunderts folgend wählten die Nationalsozialisten den Begriff „arisch“, um eine blonde Herrenrasse zu beschreiben. Blond oder nicht, die Arier sind im Grunde eher eine Sprachfamilie als eine genetische Einheit.

Das Gleiche trifft auf die semitische Sprachfamilie zu, der zwei Gruppen angehören, die eine große Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt haben – die Juden und die Araber.

Sprachinseln

Auf einer linguistischen Weltkarte nehmen die meisten der großen Sprachfamilien ein eigenes und abgeschlossenes Gebiet ein. Die beiden Ausnahmen in dieser Hinsicht sind die indoeuropäischen und finnisch-ugrischen Gruppen.

In der Neuzeit haben sich die indoeuropäischen Sprachen infolge des europäischen Kolonialismus über den gesamten Globus verbreitet – nach Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland. Die Vermischung des Indoeuropäischen und Finnisch-Ugrischen, die einen bunten „Sprachenteppich“ in Europa bildete, vollzog sich jedoch früher und aus einem anderen Grund.

Zusammen mit Estland auf der anderen Seite der Ostsee bildet Finnland ein isoliertes Gebiet der finnisch-ugrischen Gruppe (der finnische Teil). Ungarn stellt das andere Gebiet dar (der ugrische Teil).

Der Grund für diese große räumliche Trennung ist die große Hochebene von Europa, die sich die finnisch-ugrischen und indoeuropäischen Stämme geteilt und um die sie über die Jahrhunderte gekämpft hatten. Die Ursprache der Finnen, Esten und Ungarn wurde einst in einem dichten Gebiet zwischen Ostsee und Ural-Gebirge gesprochen, bis die Bewohner von den Indoeuropäern auseinandergetrieben wurden.

Romanisch und Germanisch: ab dem 5. Jh. n. Chr.

Im Laufe der Geschichte haben sich Sprachen immer wieder beeinflusst, da Wörter durch Eroberungen, Imperien, Handel, Religion, Technik oder – in der heutigen Zeit – durch die globale Unterhaltungsbranche verbreitet wurden.

Ein gutes Beispiel für diesen Vorgang ist die Sprachgrenze in Westeuropa, die die romanischen von den germanischen Sprachen trennt. Zur romanischen Familie gehören Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch, was die Folge eines erfolgreichen römischen Feldzuges im 2. Jahrhundert n. Chr. war. Zu den germanischen Sprachen gehören Englisch, Niederländisch, Flämisch, Deutsch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch und Isländisch.

Diese linguistische Unterteilung lässt sehr deutlich den Einfluss des Römischen Reiches erkennen. Italien, Frankreich und die Iberische Halbinsel waren ausreichend stabile Regionen in der römischen Welt, um den Einfluss von Latein nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches aufrechtzuerhalten. Die germanischen Gebiete östlich und nördlich des Rheins wurden nie gänzlich unter römische Herrschaft gebracht (die exakte linguistische Grenze ist heute noch in Belgien zu finden, wo die Bevölkerung im Süden Französisch und im Norden Flämisch spricht).

England war für drei Jahrhunderte innerhalb des Römischen Reiches sicher. Jedoch waren die romanisierten Kelten nicht stark genug, um den einfallenden germanischen Stämmen, den Angeln und Sachsen, Gegenwehr zu leisten. Ihre Sprachen überlebten in Form von Angelsächsisch.

Modernes Englisch nimmt mit seinem Vokabular, das ursprünglich in etwa halb germanisch und halb romanisch ist, eine mittlere Stellung innerhalb der westeuropäischen Sprachfamilien ein.

Der Grund ist nicht Britanniens relativ instabile Stellung im Römischen Reich, sondern vielmehr die Eroberung durch die Normannen. Nachdem die Normannen Nordwestfrankreich eingenommen und die einheimische Sprache angenommen hatten, kamen sie mit Französisch als wesentlichem Bestandteil ihres Kulturgutes nach England. Mehrere Jahrhunderte normannische Herrschaft brachten durch das Mittelfranzösisch lateinische Wörter in die englische Sprache zurück.

Linguistische Evolution

Der anhaltende Kampf zwischen den Sprachen ist ein Prozess, der dem der Evolution sehr ähnelt. Ein Wort geht wie ein Gen „auf Reisen“ und wird sich dann abhängig von Zweckmäßigkeit und Gebrauch durchsetzen. Die Überlebensfähigkeit eines Wortes kann von einer wünschenswerten neuen Erfindung oder Substanz abhängen, oder einfach davon, ob das Wort unterhaltend oder zweckmäßig ist.

„Aspirin“, benannt 1899 von seinem deutschen Erfinder in Anlehnung an Acetylirte Spirsäure (Acetylsalicylsäure), wurde sofort zu einem international gebrauchten Wort. In einem weniger ernsthaften Kontext hat sich „Snob“, dessen heutige Bedeutung im Englischen in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, heute in sehr vielen Sprachen eingebürgert.

Genauso wie die Evolution hat die Entwicklung von Sprache eine unaufhaltsame Kraft, die Traditionalisten ständig versuchten einzuschränken, um so die Sprache vor Veränderungen zu schützen. Das nützliche Wort „hopefully“ (von Deutschen lange als „hoffentlich“ benutzt, dessen Bedeutung eher mit „it is to be hoped“ ausgedrückt wird) hat sich mittels der Öffentlichkeit in den letzten Jahren seinen Weg ins Englische gebahnt und sich gegen die Protestaufschreie der Sprachpfleger durchgesetzt.

In größerem Ausmaß erlässt die französische Regierung Gesetze, um den Einfluss und die Aufnahme englischer Wörter ins Französische einzuschränken. Daraus entstehen dann von Zeit zu Zeit Mischformen, die als franglais (français – französisch, anglais – englisch) bezeichnet werden. Ein gutes Beispiel dieses Sprachenwirrwarrs ist ein Reklameschild für eine Tweedjacke, gesehen in einem Pariser Schaufenster:
Très snob, presque cad (sehr snobistisch, nahezu schurkenhaft).

Weltsprachen

Die französische Angst, vom Englischen „verdorben“ zu werden, steht in einem größeren Zusammenhang im evolutionären Kampf zwischen den Sprachen (obwohl der englische Einfluss belanglos ist verglichen mit dem überwältigenden Effekt, den das normannische Französisch in der Vergangenheit auf Englisch hatte).

Ein großes Anliegen jeder Sprache ist es, eine „lingua franca“ zu werden. Diesen Status erreichte das Französische nach der Blütezeit von Frankreichs internationalem Einfluss unter Ludwig XIV. fast ausnahmslos infolge von Macht und Prestige. In späteren Jahren wurde Französisch in dieser Rolle von Englisch abgelöst – erst durch das Britische Weltreich, später und weitaus bedeutender jedoch durch die amerikanische Dominanz im 20. Jahrhundert.

Das Englische im späten 20. Jahrhundert ist in der glücklichen Lage, zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt die „lingua franca“ zu sein. Zum ersten Mal in der Geschichte wird eine Weltsprache für praktische Zwecke gebraucht (von Wissenschaftlern, Piloten etc.). Mittlerweile gibt es ein Kommunikationssystem, das Wissen über die englische Sprache in einem internationalen Massenpublikum über Radio, Fernsehen und das Internet verbreitet.

Die imperiale Macht, die den Status des amerikanischen Englisch als „lingua franca“ untermauert, ist zum ersten Mal eher kultureller und wirtschaftlicher als militärischer Natur.

Der Lauf der Geschichte zeigt jedoch, dass Englisch wohl nicht die letzte „lingua franca“ auf der Welt bleiben wird. Andere werden kommen und gehen. Es ist auch richtig, dass die Vorherrschaft des Englischen eher von seiner Verbreitung als von der Anzahl der Sprecher abhängig ist.

Chinesisch wird von mehr Menschen gesprochen als Englisch (wenn auch nur auf einem Teil der Erde) und die Zukunft gehört der chinesischen Wirtschaftsmacht. Jedoch macht die Komplexität des Chinesischen diese Sprache möglicherweise zu einem ungleichwertigen Konkurrenten. Einer der großen Vorteile des Englischen ist der, dass es auf einem einfachen Niveau leicht zu sprechen ist, jedoch sehr komplex in seiner Idiomatik ist.

Aus Alt mach Neu

Indessen geht die Evolution von Sprachen weiter. Schon jetzt sind viele Unterarten des Englischen in Gebrauch. Das Pidgin-Englisch, das sich in Neuguinea entwickelt hat, wird zu einem Außenseiter. Ursprünglich erfunden als praktische Geschäftssprache wurde es auf seine einfachsten Elemente reduziert und entwickelte seinen ganz eigenen vielfältigen Charakter. Auf die gleiche Weise haben englischsprachige Gemeinden auf den Westindischen Inseln oder in Indien (nicht zu vergessen Amerika) eigene regionale Wörter, Ausdrücke und Strukturen entwickelt, die ihrer Sprachversion eine spezielle Eigenart verleihen.

Die von einer Sprache ausgehende erstaunliche Entwicklung und Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen vor gerade einmal 5.000 Jahren wird sich in unserer stärker vernetzten Welt nicht wiederholen. Das Bestreben von Sprache sich immer weiterzuentwickeln wird jedoch nicht aufhören.

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