ClaasColoplastContinentalElectroluxMärklinMANOTTOPriceWaterhouseCoopersSIXTStarbucksZDF

Was ist eine perfekte Übersetzung?

zurück - weiter - Übersicht

Zunächst lautet die eigentliche Frage nicht „Was ist eine perfekte Übersetzung?“, sondern eher „Gibt es so etwas wie eine perfekte Übersetzung?“.

Diese Frage ist ziemlich einfach zu beantworten – und die Antwort ist Nein!

Eine „perfekte Übersetzung” würde nur eine korrekte Übersetzung sein, die nach subjektiver Einschätzung (im Auge des Betrachters) den Anschein hat, perfekt zu sein.

Oft finden wir – z.B. in Verbindung mit literarischen Übersetzungen – für eine Zielsprache mehrere verschiedene Übersetzungen von professionellen Übersetzern. Dies kann zu hitzigen Diskussionen über die Qualität der Arbeit führen.

Tatsächlich kann es ziemlich verwirrend sein, wenn ein zukünftiger Kunde – vielleicht im Hinblick auf die Vergabe eines Großauftrags – einen Mustertext an verschiedene Übersetzer schickt und dann sechs, sieben oder sogar mehr unterschiedliche Übersetzungen zurückbekommt, die aber alle auf derselben Quelle beruhen.

Welche Übersetzung soll er dann auswählen? Im Zweifelsfall natürlich die beste!

Aber welche ist die beste?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zuerst eine andere stellen: Was erwarten wir von einer guten Übersetzung oder was sollte man erwarten?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort ganz eindeutig: Die Übersetzung muss den Originaltext so exakt wie möglich in der Zielsprache wiedergeben.

Das führt jedoch zu einer anderen Frage: Wie stelle ich mir die Arbeit eines Übersetzers vor, wie die Art und Weise, nach der er eine Übersetzung erstellt?

Die naheliegendste Verfahrensweise, um eine präzise Übersetzung zu verfassen, wäre theoretisch, einfach jedes Wort des Ausgangstextes zu erfassen, es durch den passenden Ausdruck in der Zielsprache zu ersetzen und dann alles in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Leider hat diese Vorstellung nichts mit der Sprachwirklichkeit zu tun – wovon man sich leicht selbst überzeugen kann, wenn man einen Blick auf die unzähligen Beispiele von automatischen Übersetzungsprogrammen und kostenlosen Übersetzungsservices wirft, die sich im Internet finden lassen.
Keine zwei Sprachen sind sich in Semantik, Anordnung von linguistischen Elementen und Wahl der grammatischen Formen so ähnlich, dass es möglich wäre, einfach durch wörtliches Übersetzen die eine in die andere Sprache umzuwandeln.

Aufgrund dieser gravierenden linguistischen Hürden war bis heute keine Übersetzungssoftware fähig, einen komplexen Text korrekt, geschickt und mit einem adäquaten Stil in eine andere Sprache zu übersetzen – ganz abgesehen von den anderen Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn ein Text an eine fremde Kultur angepasst werden muss.

In Anbetracht all dieser Probleme ist eine gute Übersetzung immer noch ein Produkt von Handarbeit am Computer und menschlicher Intelligenz.

Es ist auch keine Leistung des Übersetzers, wenn er nur sein Wörterbuch oder seine Grammatik zu Rate zieht, um eine wörtliche Übersetzung zu erstellen. Eine solche Übersetzung wird immer sehr seltsam klingen.

Als Beispiel folgen Überlegungen und Voraussetzungen für die Erstellung einer Übersetzung vom Englischen ins Deutsche. Es ist überaus wichtig, dass der Übersetzer die Sprache nicht nur als starres Gebilde aus grammatischen Regeln betrachtet, wenn die Übersetzung „typisch englisch“ klingen soll. Es steckt mehr dahinter

Der Übersetzer muss nicht nur die Grammatik sehr gut beherrschen, er muss auch ein breites soziales und kulturelles Basiswissen aufweisen, denn dieses Hintergrundwissen hat häufig Auswirkungen auf die Interpretation und das Verständnis des Textes, mehr noch als die Sprache selbst und oft mehr als Laute, Wörter und Redewendungen.

Jeder Übersetzer steckt in einem kniffligen Vermittlungsprozess zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache und muss auch die kulturellen Unterschiede des Zielsprachenlandes berücksichtigen.

Ohne Kenntnis der kulturellen Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache ist eine gute Übersetzung unmöglich zu erstellen.

Was also kann der Kunde von einer guten Übersetzung erwarten?

- Die Übersetzung sollte alle Bestandteile des Ausgangstextes originalgetreu wiedergeben.
- Sie sollte die Intention des Autors des Originals als Grundlage haben.
- Der geistige Inhalt muss vollständig in der Zielsprache festgehalten werden – ohne jegliche Beschönigungen und Einschränkungen, Betonungen oder Ausschweifungen.
- Sie sollte so natürlich und leicht verständlich verfasst sein wie das Original.

 

Ein guter Übersetzer hat immer das Ziel, den Kern des ihm vorliegenden Textes herauszufiltern, um die Aussage und den Stil des Originals in der Zielsprache beizubehalten.

Die Autoren der Originaltexte wollten verstanden werden. Somit schrieben sie im Idealfall in einem klaren und verständlichen Stil sowie im Hinblick auf den kulturellen Kontext, in dem sie sich befanden.

Diese Kriterien sollten genauso für den Übersetzer gelten.

Jedoch ist diese Idealvorstellung nicht so einfach zu verwirklichen, denn die Tatsache, dass sich Übersetzer in Zweifelsfällen sehr stark von der Originalvorlage entfernen (müssen), sollte nicht unterschätzt werden. Allein die Unterschiede zwischen den Sprachen, ganz zu schweigen von den kulturellen und regionalen Unterschieden, tragen maßgeblich dazu bei.

In vielen Fällen ist es daher nicht ausreichend, wenn der Übersetzer den Originaltext nur liest und versteht – er muss sich bemühen mit Hilfe von Recherche und Analyse mit diesen Unterschieden umzugehen und sie, falls nötig, in seiner Übersetzung zu überwinden.

Somit wird der Übersetzer mit der schwierigen Frage konfrontiert, inwieweit er dem Kunden entgegenkommen möchte, während er gleichzeitig versucht, die Schwierigkeiten des Übersetzens zu bewältigen. Die Frage kann auf zwei ganz verschiedene Arten beantwortet werden.

Einerseits gibt es die Meinung, dass der Übersetzer verpflichtet ist, dem genauen und formalen Wortlaut des Originals so weit es geht zu treu zu bleiben und Umschreibungen nur zu benutzen, wenn es absolut notwendig ist.

Wie vielleicht vorauszusehen war, besagt der andere Standpunkt das genaue Gegenteil: Hier liegt das Augenmerk auf dem Ziel, dem Kunden einen Text zu bieten, der so leicht wie möglich zu verstehen ist. Aus dieser Verfahrensweise entsteht dann ein Text, der höchst zugänglich ist.
Gleichzeitig setzt diese Methode voraus, dass der Kunde die Textformulierung und Sinndeutung dem Übersetzer überlässt – wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Denn ein Feedback des Kunden - gerade zur Firmenterminologie - ist immer erwünscht und wichtig!

Man kann dem Kunden jedoch nicht vorschreiben, welche der beiden Übersetzungsmethoden zu bevorzugen ist. Es liegt eher am Kunden – unter Absprache mit denen, die mit der Anfertigung und Veröffentlichung des Textes befasst sind – zu entscheiden, welche der beiden Übersetzungsarten er bevorzugt.

Egal für welche Methode er sich entscheidet, eins ist sicher: Der Originaltext muss übersetzt werden, d.h. er muss verstanden werden, in der Zielsprache, in seiner ganzen Bedeutung.
Die Frage ist wohl: Will der Kunde mehr oder weniger allein entscheiden, indem er auf die Treue zum Original besteht, oder erwartet er vom Übersetzer ihm in Zweifelsfällen bei der Entscheidung zu helfen?

In dieser Hinsicht sind vielleicht die zwei folgenden Beispiele hilfreich, denn beide beschreiben Situationen, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen.

Im Falle einer Produktpräsentation, bei der die Anwesenden oft das erste Mal Informationen über das Produkt hören – und möglicherweise eine unklare oder überhaupt keine Vorstellung davon haben –, ist es zweifellos wichtig, dass die Sprache von Originaltext und Übersetzung natürlich, flüssig und leicht verständlich ist.

In diesem Fall ist wohl eine freiere Übersetzung die beste Lösung, da sie das wenig vorhandene Wissen des Publikums über das Produkt berücksichtigt.

Natürlich hat der Übersetzer nicht die Aufgabe, einen Kommentar zu dem Produkt zu schreiben oder ein eigenständiges PR-Schema auszuklügeln. Ebenso wenig sollte er eine merkwürdige Textstelle seinem eigenen Verständnis oder Geschmack anpassen.

Jedoch hat er eine gewisse stilistische Freiheit, die es ihm ermöglicht, eine leichter verständliche Ausdrucksweise in der Zielsprache oder Zielkultur zu wählen. Somit kann er – in Zusammenarbeit mit dem Kunden – versuchen, Aussagen so umzuformulieren, dass sie mehr dem Zeitgeist entsprechen sowie brauchbarer und leichter verständlich für die Zielsprachengruppe sind.

Natürlich ist diese Art der freien Ausdrucksweise nicht mehr möglich, wenn es sich um Vertragsübersetzungen, Produktinformationen oder technische Bedienungsanleitungen handelt.
Bei solchen Textarten ist nicht die Natürlichkeit der Übersetzung entscheidend, sondern die Exaktheit.

Handelt es sich um Dokumente, bei denen Sicherheit eine große Rolle spielt, ist eine nah am Original und somit an den ihm zugrundeliegenden Normen und Regeln haftende Übersetzung unabdingbar.
In solchen Fällen muss der Übersetzer nah am wahrheitsgemäßen Inhalt des Originaltextes orientiert übersetzen, solange der Kunde keine anderen Kriterien vorgibt.
Er soll den Text nicht neu interpretieren, sondern ihn durch die Nutzung sprachlicher Mittel klar, verständlich und so exakt wie möglich übersetzen.

Welche Art der Übersetzung ist nun aus Kundensicht die beste?

Wie an den beiden Beispielen zu sehen, ist leider nur der Kunde in der Lage diese Frage zu beantworten.
Die Antwort kann dann sehr unterschiedlich ausfallen, abhängig von der Art des Dokuments und den Interessen des Kunden.

Auf jeden Fall ist es ideal, wenn alle, die an der Anfertigung und Veröffentlichung des Textes beteiligt sind, bei der Entscheidung mitreden können.
Dies trifft in erster Linie auf die Abteilungen zu, die den Text ausgearbeitet haben.

In den beiden Beispielen könnte dies die Rechtsabteilung eines Unternehmens oder die Marketing- oder Verkaufsabteilung sein.
Unter Mitwirkung des Übersetzers und seiner Einschätzung des Zielmarktes und der typischen Merkmale und Eigenarten des fraglichen Landes sollte es garantiert sein, die Übersetzung in Einklang mit den Zielvorstellungen des Kunden zu bringen.

Zum Schluss ein warnendes Wort an Unternehmen, die eine Übersetzung in Auftrag geben. Es ist selten der Fall, dass Kunden einen kompetenten Korrekturleser in der Firma haben, jemanden, der die Übersetzung unter die Lupe nimmt, eine qualifiziertes Urteil über sie fällt und sie vielleicht sogar verbessern kann. Meistens werden Übersetzungen von Angestellten bearbeitet, die nicht genügend mit der Zielsprache vertraut sind und möglicherweise nur das Elementarste beherrschen.
Ihr fehlendes linguistisches Wissen und Geschick können aus einer guten Übersetzung schnell eine schlechte machen. Sollte also der Kunde mit dem Gedanken spielen, sein Geld zurückzufordern, wäre es ratsam, so früh wie möglich mit dem Übersetzer Kontakt aufzunehmen, um Missverständnisse zu vermeiden. Häufig handelt es sich nur um stilistische Angelegenheiten, in denen der Korrekturleser einen Mangel sieht, dies aber nicht wirklich mit objektiven Argumenten untermauern kann.

Wenn sich Kunde und Übersetzer schon früh zusammensetzen, sparen sie Zeit und Geld.

Während es bezüglich des Übersetzungsstils, wie oben geschildert, eine große Meinungsvielfalt über das geben kann, was als angemessen und korrekt gelten sollte, ist dies bezüglich Grammatik und Rechtschreibung weniger der Fall (auch wenn viele Regeln seit der deutschen Rechtschreibreform nicht mehr verbindlich, sondern nach Belieben des Schreibenden angewendet werden oder nicht).
In Übersetzungen, die für wichtige geschäftliche oder persönliche Kommunikation gebraucht werden, sollten nicht nur grammatische und orthografische Fehler vermieden werden, sondern auch unglückliche oder ungeschickte linguistische Formulierungen nicht auftauchen.
Im professionellen Zusammenhang kann eine einwandfreie linguistische Arbeit durchaus erwartet werden. Wenn der Kunde eine Übersetzung seiner Produktbroschüre oder -präsentation erhält, die mit Rechtschreibfehlern übersät ist, hat er jegliches Recht sich zu beschweren.

In einer solchen Situation ist es wichtig zum frühestmöglichen Zeitpunkt eine Mängelrüge einzureichen. In ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen berufen sich Übersetzer normalerweise auf eine Abnahmefrist von 14 Tagen. Danach gilt die Übersetzung als abgenommen und eine Nacherfüllung erfolgt nur aus Kulanz.