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Die Tränen der Malinche

Wenn sich an Sonntagen das Zentrum von Coyoacán in Mexiko Stadt mit Touristen füllt, die kommen, um sich das berühmte Casa Azul Frida Kahlos anzusehen, auf dem Markt Souvenirs zu kaufen oder einfach die Atmosphäre eines der ältesten Viertel des Mexikos der Kolonialzeit zu genießen, flüchten viele Anwohner in die ruhigeren Gegenden der Stadt. Einer dieser Zufluchtsorte ist die Calle de la Higuera, die zwischen dem geschäftigen Treiben des berühmten Plaza Hidalgo mit seinen Süßigkeitenverkäufern, Drehorgelspielern und Straßenkünstlern, und einem ruhigen, schattigen Park namens „La Conchita“ liegt.
Während man in dieser Zuflucht neben der alten Kapelle die Ruhe dieses fast heiligen Ortes und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießt, die durch die Blätter der großen Bäume dringen, kann man im Flüstern des Laubs vielleicht die entfernte Stimme und das Schluchzen einer trauernden Frau hören.

Die meisten tun es als Einbildung ab, und vielleicht ist es das auch. Doch erwähnt man es gegenüber einem älteren Bewohner der Stadt, sieht man oft ein wissendes, verstehendes Nicken. „Du hast die Malinche gehört. Sie war die Geliebte von Hernán Cortés und die Mutter des ersten Mestizen.“ Mestizen sind das Ergebnis der Vermischung der lateinamerikanischen Ureinwohner mit den spanischen Eroberern und machen heute den Großteil der Bevölkerung Lateinamerikas aus. Manch einer erzählt noch mehr, und weiß, dass die Malinche ihre letzten Jahre in einem Haus genau gegenüber des Parks verbrachte. Es war eines der ersten Gebäude von Coyoacán, in dem sie mit ihrem Sohn Martín lebte. Aber man nahm ihn ihr weg und brachte ihn nach Spanien, und so fing sie zu weinen an. Sie beweint bis heute den Sohn, der ihr genommen wurde. „Das war es, was du gehört hast.“

Die Malinche und ihre Geschichte sind hinreichend bekannt und sie wird von vielen für eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der mexikanischen Geschichte gehalten. Sie wurde als junges Mädchen dem spanischen Eroberer Hernán Cortés zum Geschenk gemacht. Sie sprach Náhuatl, die Sprache der Azteken, und wurde so zur offiziellen Übersetzerin zwischen den Azteken und den Spaniern. Und bis heute, fast fünfhundert Jahre später, ist die Malinche ein Symbol für den Verrat am mexikanischen Vaterland – so sehr, dass der Begriff „malinchismo“ als Beleidigung für jemanden gilt, der das Fremde dem Mexikanischen vorzieht. Die Malinche ist die große Verräterin der mexikanischen Geschichte, die ihr Vaterland an die Spanier verkaufte. Deshalb gibt es keine Denkmäler, die ihrer Rolle in der Entstehung des heutigen Mexikos gedenken, und ihr Haus in Coyoacán bleibt anonym.

In den Achtzigern stellte die Stadt einen Brunnen mit einer Statue von Cortés, der Malinche und ihrem Sohn Martín auf. Doch sie wurde wieder entfernt, nachdem Demonstranten aufmarschiert waren und mit Schilden wie „Verschwinde, Verräterin“ dagegen protestiert hatten. Die Mexikaner wollen die Malinche nicht.

Doch sieht man sich ihre Geschichte genauer an, fragt man sich vielleicht, ob die Beschuldigung des Verrats überhaupt gerechtfertigt ist. Die Malinche wurde als Tochter einer adligen Familie der Mayas auf der Halbinsel von Yucatán geboren, die sie aber nach dem Tod ihres Vaters als Sklavin verkaufte. Durch ihre adlige Herkunft Sprach sie Náhuatl, die Sprache des Aztekenreiches. Doch die Bewohner Tabascos, wo sie lebte, Sprachen nur Maya, die Sprache eines unterworfenen Volkes. Zweifellos in der Hoffnung, die Spanier würden sie von der Unterjochung durch die Azteken befreien, schenkten sie Cortés und seinen Leuten einige Frauen, unter ihnen die Malinche. Als Cortés klar wurde, dass eine der Sklavinnen die Sprache der Azteken sprach, machte er sie zur Dolmetscherin. Zunächst übersetzte Doña Marina, wie sie von den Spaniern genannt wurde, über einen spanischen Priester namens Gerónimo de Aguilar, der die Sprache der Maya verstand. Doch da sie ein solch außergewöhnliches Talent für Sprachen hatte, lernte sie rasch Spanisch und wurde bald zur direkten Dolmetscherin zwischen Cortés und den Machthabern der Azteken. Cortés schien nicht nur von ihren sprachlichen Fähigkeiten angetan gewesen zu sein: 1523 brachte die Malinche Martín Cortés als ersten Mestizen zur Welt, den die Mexikaner heute freilich als Vater ihrer doppelten Herkunft ansehen.

Es scheint offensichtlich, dass die Malinche als Sklavin keine andere Wahl hatte, ihren Besitzern zu gehorchen, waren es nun Ureinwohner oder Spanier. Die Alternative wäre der Tod gewesen. Außerdem lässt sich annehmen, dass sie, wie die meisten der unterworfenen Völker, in den spanischen Eroberern einen Verbündeten gegen das brutale Regime des Imperiums sah. Wahrscheinlich wusste sie nicht, dass die spanische Krone noch tyrannischer herrschen würde als ihr Vorgänger.

Die Verwandlung der Malinche in eine verhasste Figur hat ihre Wurzeln wohl in der mexikanischen Revolution im neunzehnten Jahrhundert, in dem die noch junge Nation eine eigene Identität suchte, die den spanischen Einfluss ablehnte. Dadurch wurde die Malinche zum Ebenbild des Verrats am Aztekenreich gemacht, obwohl die meisten der Revolutionäre selbst spanischer Abstammung waren.

Erst seit kurzer Zeit wird eingestanden, dass ihr in den letzten zweihundert Jahren viel Unrecht getan wurde, obwohl sie im kollektiven Gedächtnis der Mexikaner immer noch verhasst ist. Doch sie wird nun vermehrt als das gesehen und dargestellt, was sie war: eine talentierte Übersetzerin und Dolmetscherin, die drei Sprachen beherrschte. Nur wird sich ihr Ansehen nicht über Nacht ändern.

Und so weint die Malinche weiterhin im Park von La Conchita, dieser Zuflucht der Ruhe, nur wenige Schritte vom lauten Zentrum vom Herzen von Coyoacán entfernt. Sie weint um den Verlust ihres Sohnes, des vergessenen Vaters der mexikanischen Nation. Sie weint wegen der Nation, die sie dazu verurteilt, nichts weiter zu sein als eine Frau mit dem Fluch, ein Händchen für Sprachen zu haben.